Mittwoch, 22. Juli 2009
DVD Reloaded
Tötet Mrs. Tingle (1999)
Leigh Ann Watson (Katie Holmes) träumt von einem College-Stipendium, das ihr dazu verhelfen soll, dem Kleinstadtmief zu entkommen. Um es zu erhalten, fehlt Leigh Ann lediglich noch eine Eins in Geschichte. Es gibt nur ein Problem die Geschichtslehrerin Mrs. Tingle (Helen Mirren). Denn sie ist streng, unbeliebt und unnachgiebig. Geradezu inbrünstig hasst sie Leigh Ann, das fleißige Mädchen mit den großen Träumen. Als sie Leigh Ann in einer Situation ertappt, die vermuten lässt, dass die Schülerin bei der Abschlussprüfung schummeln will, hat sie endlich das nötige Rüstzeug in der Hand, die Zukunft des Mädchens für immer zu zerstören. Verzweifelt taucht Leigh Ann mit ihren Freunden Jo Lynn (Marisa Coughlan) und Luke (Barry Watson) bei Mrs. Tingle zu Hause auf, um ihre Unschuld zu beweisen. Doch dort geraten plötzlich die Dinge außer Kontrolle und Mrs. Tingle findet sich gefesselt und geknebelt auf ihrem Bett wieder ...

"Tötet Mrs. Tingle" heißt 1999 zum Filmstart für ein paar Wochen auch "Rettet Mrs. Tingle", weil sich Moralapostel an die diversen Schulmorde seiner Zeit erinnert fühlen (siehe auch spiegel.de). Der Rauch hat sich schnell wieder verzogen und das Regie-Debüt von "Scream"-Autor Kevin Williamson längst wieder den eigentlichen Titel. Wobei man erwähnen sollte, dass niemand Mrs. Tingle wirklich töten will - retten allerdings noch viel weniger. Mrs. Tingle ist (in verachtenswert großartiger Darstellung von Helen Mirren) einfach eine hassenswerte Lehrerin, die nicht nur ihre Schüler, sondern auch die Kollegen mit ihren Launen terrorisiert. Wer jetzt aber brutalen Meuchel-Horror im Stil von "Scream" und Konsorten erwartet, wird allerdings bitter enttäuscht sein. "Teaching Mrs. Tingle" ist nicht mehr als eine - wenn auch rabenschwarze - Komödie, die an bösen Gemeinheiten einiges zu bieten hat. Und im Vergleich zu den unzähligen High School Filmen seiner Zeit ist er zudem - abgesehen von einigen Hängern im Mittelakt - richtig unterhaltsam.
(Original-Kommentar 05/2000) ... Bewertung: 7/10


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Tötet Mrs. Tingle!
Kommentar von Dietrich Kuhlbrodt (01/2000)
Tötet den Vorsitzenden des Deutschen Lehrerverbandes! – könnte man die Realfarce betiteln, mit der unsere Verbandsfunktionäre live die amerikanische Filmfarce »Tötet Mrs. Tingle!« überbieten. Auf Ministerebene. Von der FSK – sie gab den spielfilmlangen Schülerstreich für Schüler ab 12 Jahren frei – forderte der Vorsitzende ultimativ das sofortige Verbot des Streifens. Der Oberpädagoge lebt seine Hysterie voll aus, den Film hat er offenbar nicht gesehen; ist er noch zu retten? Denn der löst seinen appellativen Titel mitnichten ein. Der Verleih nennt ihn inzwischen »Rettet Mrs. Tingle«.

Die Tingle-Lehrerin (Mirren) also wird gerettet, obwohl sie den Typ Anstaltsgewalt verkörpert, den die Schüler fürchten und hassen, also wir alle auf Lebenszeit. Latent hysterisch und schwer chargierend verbaut sie der sympathischen Leigh (Holmes), die doch die beste Schülerin an der Grandsboro High ist, den Weg in die Zukunft. Willkürlich und schülerverachtend verfügt sie ein Sitzenbleiben – das Aus fürs Stipendium, und das braucht eine Schülerin, wenn die Mama Kellnerin ist und damit leider nur Lower middle class: nix da fürs Schulgeld.

Dem Lehrerterror zu begegnen, gäbe es vier Lösungen: 1. die Lehrerin töten (den deutschen Real-Fall haben wir gerade gehabt), 2. sich selbst töten (über Schülerselbstmorde gleich noch ein Wort; übrigens gehört der Realfall Meißen auch dazu), 3. Amok laufen und alle töten, 4. die Lehrerin durch eine kollektive und solidarische Anstrengung dazu bringen, ihre die Schülerpsyche deformierenden und zerstörenden Machtspiele aufzugeben, ihre lower-class-feindliche Gesinnung zu ändern und Leighs Notendurchschnitt fairerweise wieder anzuheben. Für diesen gütlichen Ausgang entscheidet sich »Tötet Mrs. Tingle!«. Eine kleine Geiselnahme nebst diversen erbaulichen Statements ist hierfür völlig ausreichend.

»Tötet Mrs. Tingle!« ist pädagogisch wertvoll; in dieser Filmschule lernen Schüler fürs Leben. – Warum läuft unser deutscher Verbandsoberlehrer gegen die humane Film-Botschaft Amok? Es bliebe doch nur eine der finalen Lösungen! Tief sitzende Schuldgefühle sind zu vermuten. Tausende Schülerselbstmorde sind bei uns zu beklagen. Hat man vom Vorsitzenden der deutschen Pädagogen je gehört, daß er diese Todesserie beklagt? Daß er dagegen bis zur Ministerebene hinauf etwas unternimmt? Nein, die Verbandsgewalt wird gegen Schwächere geübt. Schüler sollen ihren Film nicht sehen dürfen. Dabei ist kollektives und solidarisches Aufbegehren nötig, um die schlimmste der denkbaren Lösungen zu verhindern, Mister Tingle: Schüler, die ihrerseits, aber nun völlig real Amok laufen, um von Pädagogen aufgestaute Aggressivität suizidal zu entladen; diese kulturell konditionierte Sonderform des Tötens/Selbsttötens ist seit hundert Jahren bekannt; lesen Sie doch bei G. M. Fenn nach: Running amuck (London 1901), Mister Tingle! Good bye!
Autor: Dietrich Kuhlbrodt (Konkret 01/2000)
Quelle: www.filmzentrale.com/rezis2/toetetmrstingledk.htm

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